Der Stein­metz – und die Friedhofssatzung

Ein Stein­metz ist durch in einer Fried­hofs­sat­zung ent­hal­te­ne Vor­schrif­ten über Grab­ein­fas­sun­gen und die Grö­ße von Grab­ma­len regel­mä­ßig nicht in sei­ner Berufs­frei­heit nach Art. 12 Abs. 1 GG betroffen.

Der Stein­metz – und die Friedhofssatzung

Die Antrags­be­fug­nis nach § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO hat jede natür­li­che oder juris­ti­sche Per­son, die gel­tend macht, durch die Rechts­vor­schrift oder deren Anwen­dung in ihren Rech­ten ver­letzt zu sein oder in abseh­ba­rer Zeit ver­letzt zu wer­den. Es genügt dabei, wenn die gel­tend gemach­te Rechts­ver­let­zung mög­lich erscheint. Die Antrags­be­fug­nis fehlt des­halb nur dann, wenn unter Zugrun­de­le­gung des Antrags­vor­brin­gens Rech­te des Stein­metzs offen­sicht­lich und ein­deu­tig nach kei­ner Betrach­tungs­wei­se ver­letzt wer­den kön­nen [1]. Die Umstän­de, die eine Rechts­ver­let­zung mög­lich erschei­nen las­sen, muss der Stein­metz hin­rei­chend sub­stan­ti­iert vor­tra­gen [2].

Ist der Antrag auf eine künf­ti­ge Anwen­dung der Rechts­vor­schrift gestützt, besteht die Antrags­be­fug­nis, wenn die Anwen­dung der Norm hin­rei­chend wahr­schein­lich ist [3]. Das ist der Fall, wenn die Rechts­ver­let­zung nach den gege­be­nen Umstän­den bereits vor­aus­ge­se­hen wer­den kann, weil die Rechts­ver­let­zung mit hin­rei­chen­der Gewiss­heit für so nahe Zukunft droht, dass ein vor­sich­tig und ver­nünf­tig Han­deln­der sich schon jetzt zur Antrag­stel­lung ent­schlie­ßen darf [4]. Es reicht nicht aus, dass nur eine mehr oder weni­ger ent­fern­te Mög­lich­keit des Beein­träch­ti­gungs­ein­tritts besteht, des­sen Zeit­punkt noch völ­lig offen ist, oder das zukünf­ti­ge Betrof­fen­sein durch die Norm noch von unge­wis­sen Ereig­nis­sen abhängt [5].

Nach die­sem Maß­stab ist die Antrags­be­fug­nis der Stein­met­zin nicht gege­ben. Die­se ergibt sich weder aus Art. 12 Abs. 1 GG noch aus Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG noch aus einer sons­ti­gen Rechtsposition.

Es fehlt es an einem fina­len Ein­griff in die Berufs­frei­heit nach Art. 12 Abs. 1 GG. Ein sol­cher ist gege­ben bei Bestim­mun­gen, die sich gera­de auf die beruf­li­che Betä­ti­gung bezie­hen und die­se unmit­tel­bar zum Gegen­stand haben [6]. Es muss sich um eine Maß­nah­me han­deln, die sich auf die Berufs­tä­tig­keit selbst bezieht [7]. Das ist hier nicht der Fall. § 13 Abs. 7, 8 FS regelt das Benut­zungs­ver­hält­nis zwi­schen Grab­nut­zungs­be­rech­tig­tem und der Gemein­de. Im Hin­blick auf den Wid­mungs­zweck eines Fried­hofs, den Ange­hö­ri­gen eines Ver­stor­be­nen eine ange­mes­se­ne Lei­chen­be­stat­tung sowie eine dem Geden­ken an den Ver­stor­be­nen ent­spre­chen­de wür­di­ge Aus­ge­stal­tung der Grab­stät­te zu ermög­li­chen, sind nur die Grab­stät­ten­in­ha­ber, jedoch nicht Gewer­be­trei­ben­de wie Stein­met­ze und Gärt­ner Benut­zer des Fried­hofs [8]. Die strei­ti­ge Norm regelt, wie die Grab­nut­zungs­be­rech­tig­ten auf den Fried­hö­fen der Gemein­de Grab­ma­le aus­ge­stal­ten dür­fen, eine unmit­tel­ba­re Rege­lung der Berufs­tä­tig­keit von Stein­met­zen erfolgt jedoch nicht [9].

Die Stein­met­zin ist auch nicht mit­tel­bar in ihrer Berufs­frei­heit betrof­fen. Der Schutz der Berufs­frei­heit erfasst, wie das Ver­wal­tungs­ge­richts­hof bereits mehr­fach zu Rege­lun­gen der gewerb­li­chen Tätig­keit in Fried­hofs­sat­zun­gen ent­schie­den hat, auch die gewerb­li­che Betä­ti­gung inner­halb einer öffent­li­chen Ein­rich­tung, die mit Anstalts­cha­rak­ter betrie­ben wird [10]. Ein sol­cher mit­tel­ba­rer Ein­griff ist zu beja­hen, wenn die Rege­lung in einem engen Zusam­men­hang mit der Berufs­aus­übung steht oder objek­tiv eine berufs­re­geln­de Ten­denz deut­lich erken­nen lässt [11]. Der Berufs­be­zug ist gege­ben, wenn eine Norm die Berufs­tä­tig­keit selbst unbe­rührt lässt, aber im Blick auf den Beruf die Rah­men­be­din­gun­gen ver­än­dert, unter denen er aus­ge­übt wer­den kann [12]. An der für die Grund­rechts­bin­dung maß­ge­ben­den ein­griffs­glei­chen Wir­kung einer staat­li­chen Maß­nah­me fehlt es jedoch, wenn mit­tel­ba­re Fol­gen ein blo­ßer Reflex einer nicht berufs­spe­zi­fisch aus­ge­rich­te­ten, son­dern ande­ren Zwe­cken die­nen­den gesetz­li­chen Rege­lung sind [13].

An einem sol­chen Berufs­be­zug fehlt es vor­lie­gend. Die hier strei­ti­gen Vor­schrif­ten über Grab­ein­fas­sun­gen und die Grö­ße von Grab­ma­len füh­ren auch nicht zu einer mit­tel­ba­ren Betrof­fen­heit in der Berufs­frei­heit von Steinmetzen.Die typi­scher­wei­se mit sol­chen Vor­schrif­ten ver­folg­ten Zwe­cke – Beschleu­ni­gung der Ver­we­sungs­dau­er und Durch­set­zung gestal­te­ri­scher Vor­stel­lun­gen – haben kei­ne berufs­re­geln­den Ziel­set­zun­gen im Hin­blick auf Stein­met­ze. Die unter­neh­me­ri­sche Betä­ti­gungs­frei­heit der Stein­metz­be­trie­be ein­schließ­lich ihrer Erwerbs­mög­lich­kei­ten wird inso­fern ledig­lich reflex­ar­tig betrof­fen. Es liegt daher kei­ne geziel­te Ände­rung der wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen zu Las­ten der Stein­metz­be­trie­be vor [14]. Etwas ande­res folgt ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Stein­met­zin auch nicht aus der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts und des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs zu Ver­wen­dungs­ver­bo­ten für Grab­stei­ne aus aus­beu­te­ri­scher Kin­der­ar­beit in Fried­hofs­sat­zun­gen. Die mit­tel­ba­re Betrof­fen­heit in der Berufs­frei­heit ergibt sich in jenen Fäl­len zum einen dar­aus, dass Stein­met­ze mit den Kos­ten und Mühen der Nach­weis­be­schaf­fung belas­tet wer­den [15]. Zum ande­ren wer­den Grab­nut­zungs­be­rech­tig­te bei Ver­trags­schluss mit einem Stein­metz regel­mä­ßig ver­lan­gen, dass die­ser nur Stei­ne ver­wen­det, die dem Ver­wen­dungs­ver­bot ent­spre­chen, und dass er hier­über einen aus­rei­chen­den Nach­weis vor­legt. Folg­lich wird sich für Stein­met­ze Bezug und Lager­hal­tung von Stei­nen zu einem erheb­li­chen Teil an die­sen Erfor­der­nis­sen ori­en­tie­ren, was deut­li­che spür­ba­re Aus­wir­kun­gen auf die Berufs­aus­übung haben kann [16]. An ver­gleich­ba­ren Aus­wir­kun­gen fehlt es hier.

Eine mit­tel­ba­re Betrof­fen­heit in der Berufs­frei­heit ergibt sich auch nicht aus dem Umstand, dass auf­grund des Ver­bots von Voll­ab­de­ckun­gen die Stein­met­zin als Stein­metz­be­trieb gerin­ge­re Umsät­ze machen kann und Ange­hö­ri­ge von Ver­stor­be­nen sich für eine Bestat­tung des Ver­stor­be­nen im Fried­wald ent­schei­den. Vor sol­chen Aus­wir­kun­gen von Nor­men schützt das Grund­ge­setz nicht. Denn das Grund­ge­setz gewährt kein Recht auf Erhal­tung des Geschäfts­um­fangs und der Siche­rung wei­te­rer Erwerbs­mög­lich­kei­ten [17]. Die eige­ne Wett­be­werbs­po­si­ti­on und damit Umsät­ze und Erträ­ge unter­lie­gen dem Risi­ko lau­fen­der Ver­än­de­run­gen [18].

Durch die Rege­lun­gen wird der ein­zel­ne Stein­metz auch in tat­säch­li­cher Hin­sicht nicht gehin­dert, am Wett­be­werb um Grab­mal­ge­stal­tungs­auf­trä­ge wei­ter­hin unein­ge­schränkt teil­zu­neh­men [19]. Dies gilt auch, wenn – wie in der münd­li­chen Ver­hand­lung gel­tend gemacht – in ande­ren Gemein­den im Umkreis ver­gleich­ba­re Grö­ßen­be­schrän­kun­gen nicht bestehen soll­ten. Auf unter­schied­li­che Vor­schrif­ten über Grab­mal­grö­ßen in unter­schied­li­chen Gemein­den muss sich jeder Stein­metz ein­stel­len, ohne dass orts­an­säs­si­ge Stein­met­ze inso­weit beson­ders betrof­fen wären. Denn jeder Stein­metz, der Kun­den­auf­trä­ge für Grab­ma­le auf dem Fried­hof der Gemein­de erhal­ten will, muss sich an die Fried­hofs­sat­zung der Gemein­de hal­ten und hat ande­rer­seits die Mög­lich­keit, Kun­den­auf­trä­ge für Grab­ma­le auf ande­ren Fried­hö­fen zu erhal­ten. Auf den – von der Stein­met­zin pau­schal behaup­te­ten, von der Gemein­de bestrit­te­nen – Umstand, dass nicht orts­an­säs­si­ge Stein­met­ze auf dem Fried­hof der Gemein­de ver­bo­te­ne Voll­ab­de­ckun­gen ver­le­gen und die Gemein­de hier­ge­gen nicht vor­geht, kann sich die Stein­met­zin inso­weit nicht beru­fen; für ein gene­rel­les Voll­zugs­de­fi­zit ist nichts ersicht­lich. Für die behaup­te­te mit­tel­ba­re Betrof­fen­heit der Stein­met­zin in der Berufs­frei­heit auf­grund ihrer Orts­an­säs­sig­keit und groß­zü­gi­ge­rer Rege­lun­gen in Nach­bar­ge­mein­den von Nuf­rin­gen ist auch des­we­gen nichts erkenn­bar, weil die Stein­met­zin nicht orts­an­säs­sig ist, son­dern ihren Sitz über 15 km ent­fernt von Nuf­rin­gen hat.

Auch eine aus dem Eigen­tums­grund­recht nach Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG fol­gen­de Antrags­be­fug­nis fehlt. Ein Ein­griff der Neu­re­ge­lung in bestehen­de Ver­trä­ge der Stein­met­zin oder in ande­re durch Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG geschütz­te Rechts­po­si­tio­nen ist weder vor­ge­tra­gen noch ersichtlich.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden ‑Würt­tem­berg, Urteil vom 28. Juni 2016 – 1 S 1244/​15

  1. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 28.07.2009 – 1 S 2200/​08ESVGH 60, 65 = VBlBW 2010, 29 <30>; Urteil vom 28.07.2009 – 1 S 2340/​08ESVGH 60, 125 = VBlBW 2010, 33; Urteil vom 24.10.2013 – 1 S 347/​13 42; Urteil vom 29.04.2014 – 1 S 1458/​12VBlBW 2014, 462; BVerwG, Urteil vom 24.09.1998 – 4 CN 2.98, BVerw­GE 107, 215 <217 ff.>; Beschluss vom 29.12.2011 – 3 BN 1.11, Buch­holz 310 § 47 VwGO Nr. 183[]
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 17.12.1998 – 1 CN 1.98, BVerw­GE 108, 182 <184>, m.w.N.; Zie­kow, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 4. Aufl., § 47 Rn.202; Gerhardt/​Bier, in: Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO, § 47 Rn. 44 []
  3. vgl. BVerwG, Beschluss vom 03.11.1993 – 7 NB 3.93, NVwZ-RR 1994, 172 <173>[]
  4. vgl. HessVGH, Beschluss vom 28.09.1976 – V N 3/​76 23; Beschluss vom 03.11.1980 – VIII N 2/​79NJW 1981, 779; Kopp/​Schenke, VwGO, 20. Aufl., § 47 Rn. 60[]
  5. vgl. Zie­kow, a.a.O., Rn. 180; Ger-hard­t/­Bier, a.a.O., Rn. 48[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 30.10.1961 – 1 BvR 833/​59, BVerfGE 13, 181 <185>[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 13.07.2004 – 1 BvR 1298/​94 u.a., BVerfGE 111, 191 <213>[]
  8. vgl. BayVGH, Urteil vom 08.03.1968 – 214 IV 64 – VGH n.F. 21, 47 <48 f.>[]
  9. eben­so HessVGH, Beschluss vom 27.07.1988 – 11 N 216/​84, NVwZ-RR 1989, 360 <360 f.> zu § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO a.F. zu einer Vor­schrift über die Grö­ße von Grab­ab­deck­plat­ten; HessVGH, Beschluss vom 28.07.1988 – 11 N 873/​85 28, zu § 47 Abs. 2 VwGO a.F. beim Aus­schluss von Alu­mi­ni­um bei der Auf­stel­lung von Grab­ma­len[]
  10. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 24.06.2002 – 1 S 2785/​00VBlBW 2003, 65 <66>; Urteil vom 29.03.2007 – 1 S 179/​06VBlBW 2007, 353 <354 f.>; eben­so: OVG NRW, Beschluss vom 21.02.2011 – 19 A 2437/​08 38; noch a.A. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 01.12.1986 – 1 S 667/​86, NVwZ 1987, 723 <725>[]
  11. vgl. BVerfG, Urteil vom 03.11.1982 – 1 BvL 4/​78, BVerfGE 61, 291 <308>; Beschluss vom 12.06.1990 – 1 BvR 355/​86, BVerfGE 82, 209 <223 f.>; Beschluss vom 08.04.1997 – 1 BvR 48/​94, BVerfGE 95, 267 <302>; Beschluss vom 12.04.2005 – 2 BvR 1027/​02, BVerfGE 113, 29 <48>[]
  12. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.04.1997, a.a.O.[]
  13. vgl. BVerfG, Urteil vom 17.12.2002 – 1 BvL 28/​95 u.a., BVerfGE 106, 275 <299>; Beschluss vom 11.07.2006 – 1 BvL 4/​00, BVerfGE 116, 202 <222>[]
  14. vgl. zu Rege­lun­gen der Grö­ße von Abdeck­plat­ten: VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 14.08.2007 – 1 S 1808/​06 – juris; HessVGH, Beschluss vom 27.07.1988, a.a.O., S. 361; Beschluss vom 28.07.1998, a.a.O., Rn. 30; OVG NRW, Urteil vom 30.10.1978 – VIII A 1033/​77 – BWGZ 1980, 55[]
  15. vgl. BVerwG, Urteil vom 16.10.2013 – 8 CN 1.12, BVerw­GE 148, 133 24[]
  16. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 29.04.2014, a.a.O.[]
  17. vgl. BVerfG, Beschluss vom 01.02.1973 – 1 BvR 426/​72 u.a., BVerfGE 34, 252 <256>; Urteil vom 17.12.2002, a.a.O.[]
  18. vgl. BVerfG, Beschluss vom 26.06.2002 – 1 BvR 558/​91 u.a., BVerfGE 105, 252 <265>[]
  19. anders bei Ver­wen­dungs­ver­bo­ten für Grab­ma­le aus aus­beu­te­ri­scher Kin­der­ar­beit, vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 29.04.2014, a.a.O., m.w.N.[]