Meis­ter­prä­senz im Gesund­heits­hand­werk

Die Vor­schrif­ten der Hand­werks­ord­nung stel­len, soweit sie eine bestimm­te Qua­li­tät, Sicher­heit oder Unbe­denk­lich­keit der her­ge­stell­ten Waren oder ange­bo­te­nen Dienst­leis­tun­gen gewähr­leis­ten sol­len, Markt­ver­hal­tens­re­ge­lun­gen im Sin­ne von § 4 Nr. 11 UWG in der Fas­sung vom 03.07.2004 dar [1].

Meis­ter­prä­senz im Gesund­heits­hand­werk

Ent­spre­chen­des gilt für § 3a UWG in der Fas­sung vom 02.12 2015.

Der Umstand, dass die Richt­li­nie 2005/​29/​EG über unlau­te­re Geschäfts­prak­ti­ken, die kei­nen ver­gleich­ba­ren Ver­bots­tat­be­stand kennt, in ihrem Anwen­dungs­be­reich (Art. 3 der Richt­li­nie) nach ihrem Arti­kel 4 eine voll­stän­di­ge Har­mo­ni­sie­rung bezweckt, steht der Anwen­dung der natio­na­len Vor­schrif­ten im Streit­fall nicht ent­ge­gen. Bei den hier in Rede ste­hen­den §§ 1 und 7 HwO han­delt es sich um Bestim­mun­gen, die einer­seits einen Sicher­heits- und jeden­falls bei Gesund­heits­hand­wer­ken (§ 1 Abs. 2 HwO in Ver­bin­dung mit Anla­ge A zur Hand­werks­ord­nung Nr. 33 bis 37) wie dem des Ortho­pä­die­tech­ni­kers oder Ortho­pä­die­schuh­ma­chers – einen Gesund­heits­be­zug im Sin­ne von Art. 3 Abs. 3 und Erwä­gungs­grund 9 Satz 2 und 3 der Richt­li­nie 2005/​29/​EG auf­wei­sen und ande­rer­seits auch berufs­recht­li­che Bestim­mun­gen im Sin­ne von Art. 3 Abs. 8 die­ser Richt­li­nie dar­stel­len [2].

Der selb­stän­di­ge Betrieb eines zulas­sungs­pflich­ti­gen Hand­werks als ste­hen­des Gewer­be ist nach § 1 Abs. 1, § 7 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 1a Fall 1 HwO nur gestat­tet, wenn der Betriebs­lei­ter die Meis­ter­prü­fung bestan­den hat und wenn die­ser in die Hand­werks­rol­le ein­ge­tra­gen ist. Grund­vor­aus­set­zung der mate­ri­el­len Betriebs­lei­t­er­schaft ist die Prä­senz des Betriebs­lei­ters (sog. Meis­ter­prä­senz). Ein Betriebs­lei­ter braucht nicht in jedem Fall stän­dig in dem von ihm gelei­te­ten Betrieb anwe­send zu sein. Die Funk­ti­on des Betriebs­lei­ters kann auch neben­be­ruf­lich von nach § 7 Abs. 1 a bis 9 HwO qua­li­fi­zier­ten Inha­bern ande­rer Hand­werks­be­trie­be und von Per­so­nen, die in einem ande­ren abhän­gi­gen Arbeits­ver­hält­nis beschäf­tigt sind, aus­ge­übt wer­den. Es ist zudem nicht aus­ge­schlos­sen, dass zwei Betrie­be von einem Betriebs­lei­ter geführt wer­den. Der Betriebs­lei­ter muss aber bin­nen weni­ger Minu­ten vor Ort sein kön­nen [3]. Bei Gesund­heits­hand­wer­ken, bei denen eine unzu­rei­chen­de Hand­werk­s­tä­tig­keit weit­rei­chen­de Fol­gen haben kann, ist aller­dings – von ganz engen Aus­nah­me­fäl­len abge­se­hen [4] – für jede Betriebs­stät­te stän­di­ge Meis­ter­prä­senz zu ver­lan­gen [5]. Der sich aus die­sem Erfor­der­nis erge­ben­de Ein­griff in die durch Art. 12 Abs. 1 Satz 2 GG gewähr­leis­te­te Frei­heit der Berufs­aus­übung ist im Hin­blick auf die dadurch geschütz­ten Gesund­heits­in­ter­es­sen der Bevöl­ke­rung gerecht­fer­tigt [6]. Ist das Geschäfts­lo­kal geöff­net, kön­nen – auch ohne Anwe­sen­heit des Meis­ters – Leis­tun­gen erbracht wer­den, bei denen eine Gefähr­dung der Gesund­heit der Kun­den aus­ge­schlos­sen ist [7]. Dem Erfor­der­nis der Meis­ter­prä­senz wäre aller­dings nicht genügt, wenn ein Meis­ter nur ganz gele­gent­lich in dem frag­li­chen Betrieb zur Ver­fü­gung stün­de, etwa weil er eine Viel­zahl von Betrie­ben oder weit von­ein­an­der ent­fernt lie­gen­de Betrie­be zu betreu­en hät­te [8].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Juni 2016 – I ZR 46/​15

  1. BGH, Urteil vom 17.07.2013 – I ZR 222/​11, GRUR 2013, 1056 Rn. 15 = WRP 2013, 1336 – Meis­ter­prä­senz[]
  2. BGH, GRUR 2013, 1056 Rn. 15 Meis­ter­prä­senz[]
  3. Detter­beck, HwO, 2. Aufl., § 7 Rn. 5[]
  4. vgl. dazu VG Schles­wig, GewArch 2000, 426, 427[]
  5. BGH, GRUR 2013, 1056 Rn. 16 – Meis­ter­prä­senz; vgl. Honig/​Knörr, HwO, 4. Aufl., § 7 Rn. 39; Kars­ten in Schwan­ne­cke, HwO, 50. Lfg. III/​16, § 7 Rn. 41, 45; Detter­beck aaO § 7 Rn. 21; Wie­mers, DVBl 2012, 942, 944 f., jeweils mwN[]
  6. BSGE 77, 108, 113[]
  7. BGH, GRUR 2013, 1056 Rn. 17 – Meis­ter­prä­senz, krit. Detter­beck, GewArch 2014, 147, 149; Hüpers, GewArch 2014, 190, 195[]
  8. BGH, GRUR 2013, 1056 Rn. 18 – Meis­ter­prä­senz[]