HOAI 2009 – Archi­tek­ten­ho­no­rar in Über­gangs­fäl­len

Mit dem Pro­blem der inter­tem­po­ra­len Anwend­bar­keit der Hono­rar­ord­nung für Archi­tek­ten und Inge­nieu­re (in der Fas­sung von 2009) bei einer stu­fen­wei­sen Beauf­tra­gung eines Archi­tek­ten hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

HOAI 2009 – Archi­tek­ten­ho­no­rar in Über­gangs­fäl­len

Gemäß § 55 HOAI (2009) gilt die Ver­ord­nung nicht für Leis­tun­gen, die vor ihrem Inkraft­tre­ten ver­trag­lich ver­ein­bart wur­den; inso­weit blei­ben die bis­he­ri­gen Vor­schrif­ten anwend­bar. Die HOAI (2009) wur­de am 17.08.2009 im Bun­des­ge­setz­blatt [1] bekannt gemacht und trat gemäß § 56 HOAI (2009) am 18.08.2009 in Kraft.

Der Wort­laut des § 55 HOAI (2009) stellt damit dar­auf ab, wann die Leis­tun­gen ver­trag­lich ver­ein­bart wer­den. Auf wel­chen Zeit­punkt es bei der hier zugrun­de zu legen­den Kon­stel­la­ti­on der stu­fen­wei­sen Beauf­tra­gung ankommt, ist in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur umstrit­ten. Nach einer Mei­nung ist der Zeit­punkt des Abschlus­ses des Aus­gangs­ver­tra­ges auch für die erst spä­ter zu beauf­tra­gen­den Leis­tun­gen maß­ge­bend, wenn mit die­sem Ver­trag die Leis­tun­gen der wei­te­ren Stu­fen und das hier­für geschul­de­te Hono­rar bereits fest­ge­legt wer­den [2]. Nach ande­rer Ansicht kommt es dage­gen auf den Zeit­punkt der spä­te­ren Beauf­tra­gung der wei­te­ren Leis­tun­gen an, da erst zu die­sem Zeit­punkt die wei­te­ren Leis­tun­gen ver­trag­lich ver­ein­bart sei­en [3]. Die­se Ansicht kor­re­spon­diert mit älte­rer Recht­spre­chung zu der anders for­mu­lier­ten Über­lei­tungs­vor­schrift des § 103 HOAI a.F., die aus­drück­lich auf den Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses als Anknüp­fungs­punkt abstell­te [4].

Aus­ge­hend vom Wort­laut des § 55 HOAI (2009) ist die letzt­ge­nann­te Auf­fas­sung für den vor­lie­gen­den Ver­trag zutref­fend. Die Über­lei­tungs­vor­schrift knüpft an die ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung der Leis­tun­gen und damit letzt­lich wie auch § 103 Abs. 2 HOAI a.F. an den Abschluss des Ver­tra­ges über die Leis­tun­gen an. Ent­schei­dend ist danach allein der Zeit­punkt der Beauf­tra­gung der Leis­tun­gen und nicht der Zeit­punkt einer vor­ab getrof­fe­nen Hono­rar­ver­ein­ba­rung für spä­ter zu beauf­tra­gen­de Leis­tun­gen. Auch wenn die Par­tei­en für den Fall der spä­te­ren Beauf­tra­gung schon kon­kre­te Fest­le­gun­gen zu den beab­sich­tig­ten Leis­tun­gen und zum hier­für geschul­de­ten Hono­rar getrof­fen haben, kommt es nicht auf den Zeit­punkt des Aus­gangs­ver­tra­ges an, son­dern dar­auf, wann der Ver­trag über die wei­te­ren Leis­tun­gen letzt­lich geschlos­sen wird. Die Gegen­auf­fas­sung berück­sich­tigt nicht hin­rei­chend, dass bei der hier zugrun­de zu legen­den Ver­trags­kon­stel­la­ti­on vor Beauf­tra­gung der wei­te­ren Leis­tun­gen ledig­lich eine ein­sei­ti­ge Bin­dung des Archi­tek­ten besteht. Wäh­rend die­ser im Aus­gangs­ver­trag ein bin­den­des Ange­bot hin­sicht­lich der wei­te­ren Leis­tun­gen abge­ge­ben hat, hat sich die ande­re Sei­te die freie Ent­schei­dung über des­sen Annah­me vor­be­hal­ten. Eine ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung der wei­te­ren Leis­tun­gen ist danach im Aus­gangs­ver­trag noch nicht erfolgt. Da hier die Leis­tun­gen der Leis­tungs­pha­sen 5 bis 8 (Pha­se II) erst mit der nach dem 17.08.2009 erfolg­ten Annah­me des klä­ge­ri­schen Ange­bots durch die Beklag­te ver­trag­lich ver­ein­bart wur­den, ist nach dem Wort­laut der Über­lei­tungs­vor­schrift inso­weit die HOAI (2009) anwend­bar.

Soweit dem­ge­gen­über aus dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 27.11.2008 [5] her­ge­lei­tet wird, dass auch bei Zugrun­de­le­gung der vom Beru­fungs­ge­richt vor­ge­nom­me­nen Ver­trags­aus­le­gung – für die erst nach Inkraft­tre­ten der HOAI (2009) beauf­trag­ten Leis­tungs­stu­fen die alte Fas­sung der HOAI wei­ter gel­te, weil sich das Hono­rar nach den Urteils­aus­füh­run­gen nach der vor­ab getrof­fe­nen Hono­rar­ver­ein­ba­rung rich­te, ist das unzu­tref­fend. Gemäß § 7 Abs. 1 HOAI (2009) (§ 4 Abs. 1 HOAI [2002]) rich­tet sich das Hono­rar nur dann nach der schrift­li­chen Ver­ein­ba­rung der Ver­trags­par­tei­en, wenn sie bei Auf­trags­er­tei­lung erfolgt ist und sich im Rah­men der fest­ge­setz­ten Min­dest- und Höchst­sät­ze hält. Aus der in Bezug genom­me­nen Ent­schei­dung ergibt sich ledig­lich, dass eine vor­ab getrof­fe­ne schrift­li­che Hono­rar­ver­ein­ba­rung mit Beauf­tra­gung der wei­te­ren Leis­tun­gen wirk­sam wird und des­halb „bei Auf­trags­er­tei­lung“ erfolgt ist.

Gegen die am Wort­laut ori­en­tier­te Aus­le­gung wird ohne Erfolg ein­ge­wen­det, dass § 55 HOAI (2009) für den Fall des zeit­li­chen Aus­ein­an­der­fal­lens von Leis­tungs- und Hono­rar­ver­ein­ba­rung bei der hier gege­be­nen Kon­stel­la­ti­on der stu­fen­wei­sen Beauf­tra­gung eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke ent­hal­te, die durch Rechts­fort­bil­dung dahin zu schlie­ßen sei, dass die im Zeit­punkt der Hono­rar­ver­ein­ba­rung gel­ten­de HOAI zur Anwen­dung gelan­ge.

Bei wer­ten­der Betrach­tung unter Berück­sich­ti­gung his­to­ri­scher, sys­te­ma­ti­scher und teleo­lo­gi­scher Gesichts­punk­te lässt sich eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke, die eine Ein­schrän­kung des Anwen­dungs­be­reichs des § 55 HOAI (2009) recht­fer­tigt, nicht fest­stel­len.

Die Begrün­dung des Ver­ord­nungs­ge­bers zu § 55 HOAI (2009) [6] befasst sich mit der Kon­stel­la­ti­on einer vor­ab getrof­fe­nen Hono­rar­ver­ein­ba­rung bei stu­fen­wei­ser Beauf­tra­gung nicht und gibt schon des­halb kei­nen Anhalts­punkt für eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke. Dies gilt umso mehr, als sich die glei­che Pro­ble­ma­tik schon nach alter Rechts­la­ge (zu § 103 HOAI a.F.) stell­te und ober­ge­richt­li­che Recht­spre­chung hier­zu vor­lag, die das vor­ab ver­ein­bar­te Hono­rar für die nach Inkraft­tre­ten der neu­en HOAI beauf­trag­ten Leis­tungs­stu­fen an den Min­dest­sät­zen der neu­en HOAI maß [7].

Auch aus der Sys­te­ma­tik der HOAI lässt sich ein sol­cher Schluss nicht zie­hen. Die HOAI dif­fe­ren­ziert zwi­schen Hono­rar­ver­ein­ba­rung und Leis­tungs­ver­ein­ba­rung (vgl. § 7 HOAI [2009]). Aus dem Umstand, dass § 55 HOAI (2009) auf den Zeit­punkt der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung der Leis­tun­gen abstellt und die Hono­rar­ver­ein­ba­rung uner­wähnt lässt, kann daher nicht gefol­gert wer­den, dass inso­weit eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke vor­liegt.

Schließ­lich ergibt sich aus Sinn und Zweck der HOAI nicht die von der Revi­si­on pos­tu­lier­te plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke. Die HOAI ent­hält für die in ihren Anwen­dungs­be­reich fal­len­den Archi­tek­ten- und Inge­nieur­leis­tun­gen öffent­lich­recht­li­ches zwin­gen­des Preis­recht. Mit der Fest­le­gung von Min­dest­sät­zen soll den Archi­tek­ten und Inge­nieu­ren ein aus­kömm­li­ches Hono­rar gesi­chert und auf die­se Wei­se die Qua­li­tät der Archi­tek­ten- und Inge­nieur­leis­tun­gen durch Ver­hin­de­rung eines rui­nö­sen Preis­wett­be­werbs gewähr­leis­tet wer­den [8]. Wenn der Ver­ord­nungs­ge­ber nach Über­prü­fung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se zu der Über­zeu­gung gelangt ist, dass die Tafel­wer­te zur Errei­chung die­ses Ziels ange­ho­ben wer­den müs­sen, ist es nicht sinn- und zweck­wid­rig, das neue Preis­recht für alle nach Inkraft­tre­ten geschlos­se­nen Ver­trä­ge umzu­set­zen. Glei­ches gilt im Hin­blick auf den mit der Ein­füh­rung der HOAI (2009) ver­bun­de­nen wei­te­ren Zweck, durch stär­ke­re Abkop­pe­lung der Hono­ra­re von den tat­säch­li­chen Bau­kos­ten (§ 6 Abs. 1 Nr. 1 HOAI [2009] – Kos­ten­be­rech­nungs­mo­dell) und Auf­nah­me neu­er kos­ten­spa­ren­der Anrei­ze eine wei­te­re Begren­zung der Bau­kos­ten zu errei­chen.

Auch das für öffent­li­che Auf­trag­ge­ber gel­ten­de Ver­ga­be­recht oder die dem zugrun­de lie­gen­den euro­päi­schen Richt­li­ni­en füh­ren zu kei­ner ande­ren Beur­tei­lung. Soweit der Anwen­dungs­be­reich der HOAI eröff­net ist, erken­nen die­se Vor­schrif­ten viel­mehr den zwin­gen­den Cha­rak­ter des Preis­rechts als vor­ran­gig an [9]. So ist gemäß § 16 Abs. 3 Satz 2 VOF (2006) bei der Auf­trags­er­tei­lung der Preis im Anwen­dungs­be­reich der HOAI nur in dem dort vor­ge­se­he­nen Gebüh­ren­rah­men zu berück­sich­ti­gen. Aus der nach­fol­gen­den Fas­sung der VOF, vgl. § 11 Abs. 5 Satz 3 VOF (2009), sowie aus der von der Revi­si­on in Bezug genom­me­nen, der­zeit noch nicht umge­setz­ten Richt­li­nie des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 26.02.2014 über die öffent­li­che Auf­trags­ver­ga­be und zur Auf­he­bung der Richt­li­nie 2004/​18/​EG 2014/​24/​EU [10], vgl. Art. 67 Abs. 1, ergibt sich nichts ande­res.

Die Anwend­bar­keit der HOAI in der Fas­sung vom 11.08.2009 auf den Ver­trag über die Leis­tungs­pha­sen 5 bis 8 (Pha­se II) hat zur Fol­ge, dass grund­sätz­lich die von den Par­tei­en vor­ab getrof­fe­ne schrift­li­che Hono­rar­ver­ein­ba­rung dahin zu über­prü­fen ist, ob sie die Min­dest­sät­ze die­ser Ver­ord­nung ein­hält. Dies erfolgt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs im Wege eines Gesamt­ver­gleichs [11]. Macht der Archi­tekt hin­ge­gen ledig­lich ein Hono­rar in Höhe der Min­dest­sät­ze nach der HOAI (2009) gel­tend, genügt es, wenn er die­se nach­voll­zieh­bar berech­net und schlüs­sig dar­legt.

Für die Ermitt­lung des Min­dest­satz­ho­no­rars nach der HOAI (2009) sind gemäß § 6 Abs. 1 Nr. 1 HOAI (2009) die anre­chen­ba­ren Kos­ten auf der Grund­la­ge der Kos­ten­be­rech­nung oder, soweit die­se nicht vor­liegt, auf der Grund­la­ge der Kos­ten­schät­zung, maß­ge­bend.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Dezem­ber 2014 – VII ZR 350/​13

  1. BGBl. I S. 2732[]
  2. Kor­bi­on in Korbion/​Mantscheff/​Vygen, HOAI, 8. Aufl., § 55; Irmler/​Irmler, HOAI-Prak­ti­ker­kom­men­tar, 1. Aufl., § 55 Rn. 7 ff.; Mes­ser­schmidt in Fest­schrift für Koeb­le, 393, 394; Jochem, Jahr­buch BauR 2010, 291, 343; Deckers, Die neue HOAI in der Pra­xis, Rn. 1139[]
  3. Koeb­le in Locher/​Koeble/​Frik, HOAI, 11. Aufl., § 55 Rn. 3; Wer­ner in Werner/​Pastor, Der Bau­pro­zess, 15. Aufl., Rn. 611, 694 zu § 57 HOAI (2013); Rohr­mül­ler in Löffelmann/​Fleischmann, Archi­tek­ten­recht, 6. Aufl., Kapi­tel 36 Rn. 63; Vop­pel, BauR 2014, 1349; Eschenbruch/​Legat, BauR 2014, 772, 773 f. zu § 57 HOAI (2013); Fuchs/​Berger/​Seifert, NZBau 2014, 9, 16 zu § 57 HOAI (2013); Motz­ke, NZBau 2013, 742, 743 zu § 57 HOAI (2013); Grams/​Weber, NZBau 2010, 337, 340; Wer­ner, BauR 1992, 695, 698 zur HOAI 1991[]
  4. OLG Düs­sel­dorf, BauR 1997, 340; LG Mün­chen I, BauR 1996, 576; LG Kon­stanz, BauR 1996, 577[]
  5. BGH, Urteil vom 27.11.2008 – VII ZR 211/​07, BauR 2009, 264 = NZBau 2009, 257[]
  6. BR-Drs. 395/​09, S.208[]
  7. OLG Düs­sel­dorf, BauR 1997, 340[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 24.04.2014 – VII ZR 164/​13, BGHZ 201, 32 Rn. 16 m.w.N.[]
  9. Mül­ler-Wre­de, VOF, 5. Aufl., § 11 Rn. 88; Weyand, Ver­ga­be­recht, 2. Aufl., § 16 VOF Rn. 8231 f.[]
  10. ABl. L 94 vom 28.03.2014, S. 65[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 08.03.2012 – VII ZR 195/​09, BGHZ 192, 360 Rn. 12; Urteil vom 09.02.2012 – VII ZR 31/​11, BGHZ 192, 305 Rn. 23[]