Die nicht passgenaue Perücke

Bestätigt der Besteller ein­er Ware bei der Aushändi­gung an ihn deren Man­gel­frei­heit und stellt sich dann doch ein Man­gel her­aus, kann er sich auf diesen dann trotz­dem berufen, wenn er keine Möglichkeit hat­te, bei der Über­gabe den Man­gel wahrzunehmen.

Die nicht passgenaue Perücke

Ein “haariges” Beispiel hier­für find­et sich in einem Urteil des Amts­gerichts München: Eine Frau, die unter starkem Haa­raus­fall litt, wandte sich im Juli 2007 an einen Perück­en­her­steller. Nach­dem ein Gipsab­druck vom Kopf der Kundin gefer­tigt, Farbe, Dichte und Haar­netz bes­timmt wurde, bestellte sie eine Perücke aus hun­dert­prozentigem europäis­chem Echthaar. Die Perücke sollte 2800 Euro kosten. 1400 € leis­tete sie als Anzahlung.

Die erste gelieferte Perücke war zu groß. Auch eine zweite Perücke hat­te nicht die richtige Pass­form. Schließlich kam die dritte Perücke. Diese wurde der Kundin angepasst und durch einen Friseur gestylt. Anschließend unter­schrieb die Kundin eine Bestä­ti­gung über den Erhalt der Perücke und darüber, dass diese von der Pass­form, dem Unter­bau, der Qual­ität der Haare, dem Zuschnitt, der Farbe und der Struk­tur ihren Wün­schen entspreche.

Zwei Tage später kam die Kundin wieder zum Her­steller und bemän­gelte, dass die Perücke zu groß sei. Außer­dem entspräche das Haar­netz nicht der Bestel­lung. Sie habe ein fleis­ch­far­benes und kein kari­ertes Netz bestellt. Die Perücke sei oben zu dick geknüpft. Sie sei ver­schnit­ten. Es han­dele sich auch nicht um hun­dert­prozentiges Echthaar. Die mit­gegebe­nen Klebe­streifen könne sie zur Befes­ti­gung nicht ver­wen­den, da sie noch eigene Haare habe, die sie nicht abrasieren wolle. Die Perücke sei bil­lige Stan­gen­ware. All das habe sich erst nach dem Anpas­sung­ster­min her­aus­gestellt. Deshalb wolle sie ihre Anzahlung zurück. Nach drei Ver­suchen wolle sie auch keine Nachbesserung mehr.

Der Her­steller weigerte sich zu zahlen und ver­langte im Gegen­zug die restlichen 1400 €. Die Perücke sei in Ord­nung. Die Kundin hätte gewusst, dass auf Grund der Tat­sache, dass die Perücke wegen ihrer Haare der nicht gek­lebt wer­den kon­nten, die Perücke rutschen könne. Das kari­erte Netz habe sie bestellt. Außer­dem habe die Kundin die Man­gel­frei­heit bestätigt. Im Übri­gen sei eine Nachbesserung ange­boten wor­den. Diese wollte aber die Kundin nicht.

Bei­de erhoben vor dem Amts­gericht München Klage. Und das gab der Kundin Recht und wies die Klage des Her­stellers auf Zahlung des Restkauf­preis­es ab: Hin­sichtlich des fleis­ch­far­be­nen Net­zes könne allerd­ings nicht von einem Man­gel aus­ge­gan­gen werde. Zum einen habe die Beweisauf­nahme ergeben, dass die Kundin ihre Bestel­lung insoweit geän­dert habe. Darüber hin­aus habe sie bei Anpas­sung der Perücke das Netz gese­hen. Sie könne diese Abwe­ichung nachträglich nicht mehr rügen.

Der Zuschnitt der Perücke als solch­es sei, wie der Sachver­ständi­ge aus­ge­führt habe, auch nicht man­gel­haft. Ins­beson­dere entspräche der Zuschnitt im trock­e­nen Zus­tand auch dem Stan­dard, sofern hin­ter­her eine Anpas­sung und ein Styling erfol­gen. Der Beweis, dass die Perücke nicht aus hun­dert­prozentigem europäis­chem Echthaar gemacht sei, kon­nte durch den Sachver­ständi­gen nicht geführt wer­den. Hin­sichtlich der Pass­ge­nauigkeit habe der Sachver­ständi­ge jedoch aus­ge­führt, dass die Perücke insta­bil auf dem Kopf sitze. Es hätte die Möglichkeit bestanden mit ein­er anderen Befes­ti­gung mehr Sta­bil­ität und Tra­gesicher­heit zu erre­ichen als mit den eingear­beit­eten Kämm­chen. Von ein­er maßgerecht­en Perücke sei auch zu erwarten, dass sie sich den indi­vidu­ellen Gegeben­heit­en der Kopf­form anpasse und Tra­gesicher­heit biete.

Die Klägerin könne sich auch auf diesen Man­gel berufen, obwohl sie die Bestä­ti­gung unter­schrieben habe. Die Perücke sei bei dem Styling der Klägerin aufge­set­zt und mit einem Klebe­streifen auf der Stirn befes­tigt und sodann zugeschnit­ten wor­den. Dies bedeute, dass beim Zuschnitt eine andere Sta­bil­ität vorhan­den gewe­sen sei, als beim nor­malen Tra­gen, wo eine Befes­ti­gung mit Klebe­streifen auf der Stirn nicht vorge­se­hen war. Die Klägerin habe daher die Insta­bil­ität nicht gle­ich erken­nen kön­nen.

Die Klägerin habe auch nach drei Ver­suchen nicht noch ein­mal eine Nachbesserung hin­nehmen müssen. Der Rück­tritt sei zu Recht erfol­gt. Sie habe deshalb Anspruch auf die Rück­zahlung der Anzahlung und müsste den Restkauf­preis nicht bezahlen.

Amts­gericht München, Urteil vom 22. Okto­ber 2009 – 133 C 28852/08

Die nicht passgenaue Perücke